Allgemeines
Gemeinschaft
Neshtiseque leben in kinderreichen Großfamilien im Sippenverband in Dörfern, denen sie sehr stark verbunden sind. Diese Sippe ist das Wichtigste im Leben eines Neshtiseque.
Genau betrachtet ist das Dorfoberhaupt somit gleichzeitig das Familienoberhaupt, denn die ganze Sippe gilt als eine Familie. In der Tat sind die meisten Sippenmitglieder tatsächlich verwandt, Ausnahmen sind vor allem Lehrlinge, die zur Ausbildung im Dorf weilen, Gäste und Partner von Familienmitgliedern. Trotzdem sehen sich alle als zusammengehörig, und alle haben die gleichen Rechte und Pflichten, ob verwandt oder nicht. Daher gibt es auch keine festgefügten Kernfamilien. Kinder werden von der ganzen Sippe gemeinsam erzogen und versorgt, auch wenn die Eltern eine besondere Rolle dabei spielen.
Gastfreundschaft ist den Neshtiseque sehr wichtig.Es ist keine Seltenheit, daß ein Gast mehrere Jahre bleibt und ganz selbstverständlich immer mehr in die Dorfgemeinschaft integriert wird. Die Unterscheidung zwischen "Fremder" und "Sippenmitglied" ist fein und eher formaler Natur. Dennoch existiert sie und so kann ein Gast gegebenfalls um Aufnahme in die Sippe des Dorfes bitten. Diese wird dann ohne große Umstände oder Zeremoniell vollzogen. Andersherum kann ein solches Sippenmitglied auch wieder zum Fremden erklärt werden, wenn er das möchte.
Bei den Neshtiseque herrscht Gleichberechtigung der Geschlechter. Das gilt sowohl in häuslichen Pflichten als auch bei der Berufsausübung und rechtlich. Jeder erwachsene Neshtisequa ist gleichermaßen für sich selbst verantwortlich und entscheidungsfähig.
Eigentum
Die Neshtiseque kennen kein Eigentum. Mehr noch, ihnen ist die Bedeutung des Wortes völlig unveständlich und sie geben sich auch keine Mühe, verstehen zu wollen. Für sie ist Eigentum eine seltsame menschliche Erfindung - oder sogar Anmaßung - was im Kontakt der beiden Kulturen immer wieder zu Mißverständnissen, Verwirrung und Ärger führt.
Wissen und Überlieferung
Neshtiseque schreiben nicht, daher wird alles Wissen mündlich überliefert. Sie sind sich bewußt, daß Schrift existiert, halten sie aber für sehr gefährlich, da sie daran glauben, daß Worten Macht innliegt. Schrift sind für sie ewige Worte, was alles geschriebene noch mächtiger werden läßt als nur Gesagtes.
In entsprechend wichtigen Belangen verwenden Neshtiseque auch selbst Schriftsymbole, wenn auch mehr als "Muster mit Bedeutung", die einen gewissen Symbolwert haben, und nicht als lesbare Schrift. Meist können nur die Eistänzer diese Symbole lesen und ausführen und selbst sie setzen diese Kunst nur höchst sparsam ein. Diese Macht der Worte bezieht sich auch auf die Namen von Personen.
Musik
Lieder und Musik spielen eine sehr große Rolle. Alles Wissen wird in Liedern weitergereicht, ob es sich dabei um Anleitungen zum Hausbau handelt oder um alte Legenden. Zu beinahe jeder Tätigkeit wird gesungen, um sie zu unterstützen, weil es Teil der Arbeit ist oder einfach nur aus Freude daran. Einige Lieder haben angeblich besondere Macht oder Fähigkeiten. Ferner dienen Lieder auch zur Zeitmessung.
Auch die Natur selbst ist für die Neshtiseque mit Musik erfüllt. Alles hat seine eigenen Lieder und die eigenen Lieder mit diesen zu vermischen ist für die Neshtiseque ein Weg, sich im besonderen Maße mit der Natur verbunden zu fühlen.
Partnerschaften
Partnerschaften zwischen engen Verwandten werden bewußt vermieden, Neshtiseque suchen ihre Partner daher immer außerhalb der eigenen Dorfgemeinschaft. Die einzige Ausnahme besteht, wenn ein Sippenmitglied ursprünglich von außerhalb gekommen ist. Egal, wie lange er dann schon mit der Sippe lebt, kann er nachträglich zum Gast erklärt und somit eine Partnerschaft möglich werden.
Lebensgemeinschaften
Wenn sich zwei Neshtiseque mögen, ziehen sie zusammen, ohne das dafür das Einverständnis dritter nötig wäre oder eine Zeremonie vorgenommen wird, die mit einer Hochzeitsfeier vergleichbar ist. Solch eine Partnerschaft kann jederzeit aufgelöst und neue Partnerschaften gebildet werden. Auch daß ein aus einem anderen Dorf stammender Partner wieder dorthin zurückkehrt, ohne daß die Partnerschaft gelöst wurde, ist möglich. In diesem Fall besuchen die Partner einander mehr oder weniger regelmäßig.
Existieren Kinder aus solchen Partnerschaften oder aus anderen, die gelöst wurden, gibt es keine feste Regel, bei welchem Elternteil sie aufwachsen. Die Entscheidung fällt aus praktischen Gründen oder nach Beratung, und so bald wie möglich läßt man die Kinder selbst entscheiden.
Verschmelzung der Seelen
(Nesht. Sifejaluncar)
Dies ist das einzige Bindungsritual, daß die Neshtiseque kennen. Es ist sehr aufwendig und wird nur dann vollzogen, wenn beide Partner sicher sind, daß ihre Liebe so groß ist, daß sie nur in einer solchen Bindung Erfüllung finden kann.
Die Bindung wird als ewig betrachtet und ist von keiner Macht mehr zu lösen, nicht einmal durch den Tod. Stirbt einer der Partner, gilt der Überlebende weiterhin als "sifejalun" und kann keinen neuen Partner mehr nehmen,auch nicht in einer einfachen Lebensgemeinschaft.
Scheidung
Scheidungen sind bei den Neshtiseque unbekannt. Alltägliche Partnerschaften sich über eine einfache Entscheidung auflösbar und Sifejaluncar können nicht geschieden werden.
Kindheit und Jugend
Kindheit
Neshtiseque kommen wie alle Meerkinder mit geschlossenen Augen zur Welt. Für die Dauer etwa eines Jahres sind sie blind. Sie brauchen daher ein besonderes Maß an Zuwendung und Pflege, was dadurch gewährleistet wird, daß sie als Kinder der Sippe betrachtet werden und jedes Sippenmitglied an ihrer Versorgung und Erziehung teilhat. Nach etwa einem Jahr öffnen sich die Augen, und dieser Tag wird später als der eigentliche Geburtstag betrachtet.
Bis zum Ende des ersten Großjahrs nach dem Tag der Augenöffnung, d.h. knapp 30 Jahre nach der Geburt, ist ein Neshtisequa ein Kleinkind. Er kann sich nicht selbst versorgen, ist in keiner Hinsicht selbstverantwortlich und bleibt eng bei der Sippe, die ihn weiterhin gemeinschaftlich erzieht. Dabei nehmen die Eltern eine Sonderfunktion ein, um im Zweifelsfalle oder bei besonders wichtigen Dingen entscheiden zu können.
Die nächsten zwei Großjahre (entsp. 56 Jahre) erhalten die Kinder keinen strukturierten Unterricht, sondern werden vielmehr in das tägliche Leben mit eingebunden und erlernen so in Spiel, durch Zusehen und durch kleinere Pflichten gewisse Grundfähigkeiten auf allen Gebieten.
Ausbildung
Danach beginnt die eigentliche Ausbildung, die andauert, bis der Neshtisequa 140 Jahre alt ist. Es gibt keine Schulzeit, doch der Beginn der Ausbildung ist eher allgemein gehalten, bevor man sich später auf einen Beruf spezialisiert.
Unter den Neshtiseque gibt es keine Ausbilder im engeren Sinne. Jeder, der einen Beruf ausübt, kann ihn auch unterrichten, wenn er darum gebeten wird und dazu willens ist. Die potentiellen Schüler suchen sich dabei ihren Ausbilder selbst aus und bitten ihn auch selbst um eine Ausbildung, ohne daß ein Erwachsener dabei eingreift oder Hilfestellung leistet.
Nicht immer gehört der ausgewählte Ausbilder zur eigenen Sippe oder lebt im eigenen Dorf. Einige seltenere Berufe gibt es nicht in jedem Dorf und auch sonst ist es nicht unüblich, zur Ausbildung in ein anderes Dorf zu ziehen. Die meisten Heranwachsenden verbringen auch eine gewisse Zeit im Heimatdorf des anderen Elternteils, um spezielles Wissen, die Lebensweise der anderen Sippe oder einfach nur Verwandte kennenzulernen.
Ein festgesetztes Alter, zu dem ein Neshtisequa eine Ausbildung beginnen muß, gibt es nicht. Auch muß eine einmal begonnene Ausbildung nicht zwangsläufig zuende geführt werden. Der Schüler kann das Ausbildungsverhältnis jederzeit beenden und sich einer anderen Ausbildung zuwenden.
Die Ausbildungen sind äußerst langwierig, komplex und detailliert. Alles Wissen wird bei den Neshtiseque mündlich überliefert, und mit jedem Beruf gehen viele Gesänge einher, die alle beherrscht werden müssen.
Wanderschaft
Alle fünf Jahre findet in Ayme ein großes Fest statt, bei dem sich alle Jugendlichen treffen, die seit dem letzten Fest ihr 140. Lebensjahr vollendet haben.Dazu ziehen zunächst die Jugendlichen eines Dorfes gemeinsam los, treffen unterwegs auf Reisegruppen aus anderen Dörfern und bilden so einen immer größer werdenden Zug, der schließlich in Ayme eintrifft.
Dort trifft die Gruppe auf die Heimkehrer, die sich fünf Jahre zuvor auf die Wanderung gemacht haben, und gemeinsam feiern beide außerhalb von Ayme ein großes Fest. Für die Jugendlichen ist es ein Abschied und ein Neubeginn zugleich.
Nach dem Fest wird der Jahrgang in kleinere Reisegruppen aufgeteilt, in denen sie die nächsen fünf Jahre über gemeinsam umherziehen werden. Diese Verteilung erfolgt durch ein Losverfahren, und geht wie alle Dinge, die die Neshtiseque tun, mit viel Musik und Gesang einher. Es wird getanzt, alle sind fröhlich, und nicht selten dauert die Prozedur den ganzen Tag.
Am nächsten Morgen machen sich die Gruppen auf den Weg. Fünf Jahre ziehen sie nach eigener Entscheidung einher. Ziel ist es, so viel zu lernen wie nur irgend möglich. Nie wieder in seinem Leben kommt ein Neshtisequa mit so vielen anderen seines Volkes in Kontakt, und nicht selten wird während der Wanderjahre ein Partner gefunden.
Erwachsenwerden
Nach der fünfjährigen Wanderzeit kehren alle Gruppen wieder nach Ayme zurück, um mit denen, die in diesem Jahr die Wanderung beginnen, das große Fest zu feiern. Der Gruppe der Heimkehrer obliegt auch das rituelle Hingeleiten der jungen Gruppe nach Ayme und zum Losverfahren.
Ab diesem Zeitpunkt gilt ein Neshtisequa als Erwachsener. Die Reisegruppen lösen sich auf und ihre Mitglieder kehren in ihre Heimatdörfer zurück oder ziehen in das Dorf eines Partners.
Neshtiseque und Tod
Neshtisque bestatten ihre Toten in Totenhäusern. Diese Gebäude werden von den Lebenden gemeiden und da Neshtiseque kein Eigentum kennen, gibt es auch keine Grabbeigaben.
Trauern
Neshtiseque üben die "innere Trauer". Ein Neshtisequa, der um jemanden trauert, trägt seine Haare in einer bestimmten Tracht und mit einem bestimmten Schmuck, um das so kenntlich zu machen. Er wird von allen anderen allein gelassen und nicht angesprochen, es sei denn, er selbst sucht das Gespräch. Wer ihn trösten will, kleidet sich ebenfalls als Trauernder, als Symbol, daß er die Welt des Trauernden betritt. Nur dann ist es erlaubt, das Gespräch mit einem Trauernden zu suchen.
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