Das Band der Seelen
Nach dem Glauben der Neshtiseque entsteht zwischen Seelen, zwischen denen eine nicht beglichene Schuld steht, eine besondere Verbindung, das sogenante Band der Seelen.
Obwohl für die Neshtiseque alle Seelen ständig in einem dichten Netz von wechselseitigen Verpflichtungen stehen, wird das Band der Seelen nur durch eine Lebensschuld geknüpft, d.h. wenn einer einem anderen unmittelbar das Leben rettet. Durch diese Tat ist das Gleichgewicht der Seelen gestört. Die Seele des Geretteten droht durch die Schuld in Knechtschaft gedrückt zu werden. Die Seele des Retters dagegen ist in Gefahr, sich aus Überheblichkeit über die ihr zustehende Position in der Natur erheben zu wollen. Um diese Gefahr abzuwenden, ist der Geretttete verpflichtet, seinem Retter einen ähnlich großen Dienst zu erweisen. Ist dies nicht sofort möglich, muß er ihn wie ein Schatten begleiten - noch vor allen anderweitigen Verpflichtungen - bis er seine Schuld eingelöst hat.
Eine Verantwortung für die Taten des Geretteten trifft den Retter explizit nicht, auch nicht während das Band besteht. Im schlimmsten Fall kann er sich den Zorn einer höheren Macht zuziehen, die den Geretteten tot sehen wollte. (
Neben der offensichtlichsten Lösung - der Schuldner rettet seinem Schuldiger seinerseits das Leben - gibt es noch andere Möglichkeiten. Insbesondere zählt auch ein gemeinsam bestandener Kampf ums Überleben oder die gemeinsame Teilnahme an einer lebensgefährlichen Jagd als Einlösung der Schuld, da hier schwer festzustellen ist, wer wem wie oft das Leben gerettet hat. Möglichkeiten, seine Schuld zu begleichen, ohne daß der Schuldiger zuvor in Lebensgefahr geraten muß, sind dagegen selten. Einer der wenigen Fälle ist, wenn der Schuldner den Schuldiger im Falle einer ungerechtfertigten Anschuldigung vom Verdacht reinwaschen kann. Eine Möglichkeit, sich mit Geschenken oder persönlichen Opfern aus der Schuld freizukaufen, gibt es nicht. Ist die Schuld beglichen, so sagt man, das Band sei zerrissen, und die beiden ehemals Verbundenen leben weiter, als wäre nie etwas geschehen.
Das Band kann nur zwischen gleichartigen Seelen geknüpft werden. Für die Neshtiseque trifft das auf alle Angehörigen der vier intelligenten Rassen Aurhims zu, aber z.B. nicht auf Tiere oder übernatürliche Wesen. Allerdings sind die Neshtiseque fest davon überzeugt, daß das Wissen um das Band der Seelen, sowie um die Umstände, unter denen es geknüpft bzw. zerrissen wird, Allgemeinwissen aller Völker ist (so wie sie insgesamt davon ausgehen, daß alle Völker nach den gleichen Gesetzen leben). Zeigt dann eine Person einer anderen Rasse nicht die gebotene Ehrfurcht dem Band gegenüber, so fordern die Neshtiseque seine Beachtung notfalls mit roher Gewalt ein. Dies dürfte dazu beigetragen haben, daß sie bei den Ishia, die östlich von ihnen leben, den Ruf haben, gefährliche Geister zu sein, die leicht zu erzürnen sind.
Die Vehemenz, mit der die Beachtung des Bandes bei den Neshtiseque eingefordert wird, deutet darauf hin, daß es gute Gründe für diese Regelung gibt. Sie stammt wahrscheinlich aus der Anfangszeit der Neshtiseque in Teyique, direkt nach ihrer Flucht aus den Trümmern des Siarîn-Reiches?. In der neuen, viel kärgeren Heimat konnte die alte, feudale Gesellschaftsordnung nicht aufrecht erhalten werden. Alle mußten gleichermaßen arbeiten, um das Überleben der Gruppe zu gewährleisten und jede Form von persönlichen Abhängigkeiten und Grüppchenbildung hätte das Ende des ganzen Volkes bedeuten können. In dieser Situation boten die Regeln um das Band der Seelen eine Möglichkeit, den Frieden in der Gruppe zu wahren.
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