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Schamanen und Heiler der Ishia

- Aufgaben und Fertigkeiten

- Soziale Stellung
- Aussehen

- Lebensweg

Als Mittler zwischen den Menschen und den nijira spielen die Schamanen und Heiler eine zentrale Rolle in der Religion und im Stammesleben der Ishia. Ihre Schüler heißen Novizen. Zusammenfassend werden alle drei Stufen als "Seelenschauer" bezeichnet. (Streng genommen gehören auch schon Lehrlinge unter der Novizenstufe zu den Seelenschauern, aber eben noch nicht endgültig)
Sowohl Männer als auch Frauen können diesen Weg einschlagen. Seelenschauer stehen immer außerhalb der Gesellschaft der Jäger? und Sammlerinnen? und sind damit nach dem Verständnis der Ishia geschlechtslos. Auch sonst nehmen die Seelenschauer in vielen Bereichen eine Sonderstellung ein. Sie gelten in aller Regel später als erwachsen als andere Ishia und sind schon von weitem an ihrer Kleidung und ihren Tätowierungen zu erkennen. Darüber hinaus gelten für sie besondere Regeln zur Stammeszugehörigkeit. Während ein Schamane fester mit seinem Stamm verbunden ist als jeder andere und ihn auf keinen Fall wechseln kann - in gewisser Weise ist er so etwas wie die Seele des Stammes - gehören die Heiler gar keinem Stamm an.
Da Schamanen weder an der Großwildjagd noch an Kämpfen teilnehmen und dazu bei der Nahrungsverteilung stets bevorzugt behandelt werden, erreichen sie oft ein für Ishia erstaunlich hohes Alter. Auch Heiler und Novizen werden so weit als möglich geschont, doch den Schamanen als Mächtigsten kommt natürlich der größte Schutz zu.

Aufgaben und Fertigkeiten

Die wichtigste Aufgabe der Seelenschauer ist es, Seelen - körperlose und körperbehaftete - zu erkennen und daraus die für das Überleben der Ishia nötigen Schlüsse zu ziehen. Ein normaler Mensch ist an seinen Körper gebunden und damit blind für seine eigene, wie auch für andere Seelen. Er kann sie zwar u.U. erahnen, ihre genaue Größe und Gestalt aber nicht erkennen. Nur Seelenschauer besitzen die Fähigkeit, ihren Körper zu verlassen und somit ganz in die Welt der Seelen einzutauchen. Diese Zeremonie ist im Folgenden genauer beschrieben.

Schamanen

Der Schamane ist für das religiöse Leben eines Stammes immens wichtig. Einige der wichtigsten Zeremonien im Leben eines Ishia, insbesondere die Namensbindung und die Initiation, können nur durch einen Schamanen geleitet werden. Andere hingegen (z.B. die Eheschließung) brauchen keine Mitwirkung des Schamanen. Fast noch wichtiger ist der Schamane aber, wenn die Umstände vermuten lassen, daß ein mächtiger Geist erzürnt worden ist. Nur der Schamane kann herausfinden, welcher Geist das war und wie man ihn besänftigen kann.
Für die diversen Rituale kennen die Schamanen eine Vielzahl von bewußtseinserweiternden Stoffen, Rauschmitteln und Giften. Daneben haben sie auch ein fundiertes Wissen über Heilpflanzen und sonstige medizinische Kenntnisse. Damit nehmen sie in ihrem Stamm auch die Rolle von Arzt und Hebamme ein. Sie behandeln sowohl Krankheiten des Geistes wie des Körpers, wobei die Grenze nicht immer dort verläuft, wo sie die westliche Schulmedizin ziehen würde.
Zuletzt sind sie die Hüter von Tradition und Moral. Zwar sind sie in aller Regel im Stammesrat nicht stimmberechtigt, aber ihre Auslegung, was richtiges und was falsches Verhalten ist, liefert den anderen die Basis für ihre Entscheidung. Auch sonst hat ihre Stimme viel Gewicht. Dennoch ist bei allem Einfluß kein Ishia an die Meinung seines Schamanen gebunden. Da sich die Schamanen aber auf Erfahrungen aus der Seelenwelt beziehen, die den anderen verborgen bleibt, ihnen eine Lüge oder ein Irrtum also nicht nachgewiesen werden kann, braucht es viel Überzeugung und Selbstbewußtsein, einem Schamanen direkt zu widersprechen.

Heiler

Anders als die Schamanen sind die Heiler nicht an einen speziellen Stamm gebunden, sondern ziehen von Stamm zu Stamm und leben oft auch für längere Zeit allein. Sie haben das gleiche Wissen und die gleichen Fertigkeiten wie die Schamanen, jedoch nicht deren Macht. Sie können Zeremonien auf Wunsch von Einzelpersonen durchführen (z.B. zur Erlangung von persönlichem Jagdglück), die Zeremonien zum Wohle eines ganzen Stammes sowie die religiösen Handlungen sind ihnen aber verwehrt. Insbesondere entlasten sie die Schamanen bei deren medizinischen Aufgaben, führen Heilzeremonien und sonstige Behandlungen durch, und haben daher auch ihren Namen.
Als rastlose Wanderer zwischen den Stämmen kommt den Heilern zusätzlich eine wichtige Rolle als Boten zu. Außerdem begeben sie sich oft auf die Suche nach seltenen Heilpflanzen etc.

Seelenschau

In vielen Zeremonien spielt die Seelenschau eine wichtige Rolle. Der Schamane oder Heiler versetzt sich dabei in einen Trancezustand. In Trance ist seine Seele vom Körper losgelöst und damit in der Lage, die Seelenwelt klar zu erkennen. Es gibt verschiedene Wege, einen solchen Zustand zu erreichen, die teilweise auch unterschiedliche Erfahrungen begünstigen. Oft sind dabei bewußtseinserweiternde Substanzen im Spiel, auch Trommeln und Tänze spielen eine wichtige Rolle. Welche Methode gewählt wird, hängt zum einen vom Zweck der Seelenschau ab, aber auch von persönlichen Vorlieben. Allen Varianten ist aber gemeinsam, daß sich der Seelenschauer dafür vollständig entkleidet, damit so wenig wie möglich zwischen ihm und der Seelenwelt steht. Etwaige Beteiligte an der Zeremonie wie z.B. Helfer oder der Patient müssen sich in aller Regel nicht ausziehen, sofern sie nicht ausnahmsweise selbst mit in die Seelenwelt eintauchen sollen.
Alle Seelenschauer - Schamanen und Heiler - besitzen die Fähigkeit, Seelen zu "malen". Nach der Seelenschau, noch unter dem Eindruck des Erlebten, fassen sie die Essenz dessen, was sie gesehen haben, in eine Zeichnung. Meistens handelt es sich dabei um ein abstraktes Gewirr von Linien und Flächen, nur in den seltensten Fällen können auch Uneingeweihte darin etwas erkennen. Eine solche Zeichnung ist meist vergänglich, sie wird in Sand gemalt oder wie z.B. bei vielen Heilritualen mit Russ auf die Haut des Patienten. Nur bei besonders wichtigen Zeremonien wird die Zeichnung durch Tätowierung für immer festgehalten. Dies ist für normale Ishia nur bei der Namensbekräftigung der Fall, für Seelenschauer auch bei einigen anderen wichtigen Zeremonien.

Soziale Stellung

Seelenschauer stehen immer außerhalb der normalen Gesellschaft. In einer Welt, in der alle Erwachsenen mehr oder weniger die gleichen Tätigkeiten ausüben (natürlich unterschieden nach Geschlecht) und damit die gleichen Fertigkeiten benötigen, sind sie die einzigen, die anders sind. Alles an ihrem Äusseren betont ihre Andersartigkeit und durch ihren völlig anderen Lebensweg haben sie in vielem eine andere Einstellung. Dazu kommt, daß sie als überaus mächtig gelten und das in einem Bereich, in dem die normalen Menschen sich als besonders hilflos empfinden. Zwar gelten die Seelenschauer als Wohltäter der Stämme, aber trotzdem stehen ihnen die meisten Ishia mit einer gewissen Scheu, teilweise sogar echter Furcht gegenüber. Freundschaften zwischen Seelenschauern und normalen Ishia sind deswegen sehr selten.
Seelenschauer sind nach dem Verständnis der Ishia geschlechtslos. Damit können sie per Definition keine Familie gründen oder eine feste Partnerschaft eingehen. Es wird aber anerkannt, daß auch sie sich nach körperlicher und seelischer Nähe sehnen. Meistens können sie diese nur bei einem anderen Seelenschauer finden. Freundschaften oder auch sexuelle Beziehungen zwischen Lehrer und Schüler gelten als normal. Teilweise gibt es sie auch zwischen einem Schamanen und einem Heiler oder zwischen zwei Heilern. Sollte ein Seelenschauer ein Kind gebären oder zeugen, so gilt dies als ein Akt wider die Natur und er oder sie muß sich langwierigen Buß- und Reinigungszeremonien unterwerfen. Das Kind aber wird ausgesetzt. [1] Aus diesem Grund beschränken sich die sexuellen Beziehungen innerhalb der Seelenschauer fast ausschließlich auf homosexuelle Paare. Wenn doch einmal ein Kind gezeugt wird, dann meist in der Exstase der Seelenschau. Einige der männlichen Seelenschauer gehen dieser Gefahr ganz aus dem Weg, indem sie sich von einem anderen Seelenschauer sterilisieren lassen. Dies ist allerdings mit großen Schmerzen verbunden und bei dem medizinischen Wissensstand der Ishia manchmal auch mit über die reine Zeugungsunfähigkeit hinausgehenden Schäden. Weiblichen Seelenschauern steht eine solche Möglichkeit nicht zur Verfügung.

Aussehen

Die Tradition verlangt, daß Seelenschauer schon an ihrem Äusseren klar als andersartig zu erkennen sind. Vielen von ihnen ist das aber auch selbst ein Bedürfnis, können sie doch auf diese Weise ihren herausgehobenen Status betonen, für den sie große Opfer gebracht haben.

Kleidung

Die Kleidung spiegelt wieder, daß die Seelenschauer quasi zwischen den Geschlechtern stehen. So tragen sie den Lendenschurz der Sammlerin, lassen aber den Oberkörper nackt - auch die Frauen unter ihnen. Nur bei sehr schlechtem Wetter tragen sie eine Art Poncho aus Leder. Ihre Winterkleidung weicht weniger stark ab, da hier auch die Unterschiede zwischen den Geschlechtern geringer sind. Allerdings versuchen viele Schamanen, Winterkleidung so selten wie möglich zu tragen, was sie wiederum zu etwas Besonderem macht. Manche vermeiden sogar das Tragen der Hose so weit als möglich.
Schamanen verzieren ihre Kleidung nicht mit dem Pelz von Säugetieren, sondern wählen dafür die Haut von Schlangen und Fröschen. Sie tragen die Haare offen und lassen sie mit der Zeit entweder zu einer riesigen Mähne oder zu "Rastazöpfen" verfilzen.

#TätowierungTätowierung

Durch den nackten Oberkörper kommt ein weiteres Merkmal der Seelenschauer besonders zur Geltung. Anders als die anderen Ishia tragen sie nicht nur eine Tätowierung (nämlich die bei der Namensbindung erhaltene), sondern viele. Mindestens bei jedem Großen Sommerfest kommt bei den Heilern und Novizen eine weitere hinzu, dazu weitere bei als besonders wichtig empfundenen Zeremonien. Nur Schamanen tätowieren sich meist nur noch sehr selten. Da es aber viele Jahre dauert, bis aus einem Novize über den Status des Heilers schließlich ein Schamane wird, sind auch sie am ganzen Körper tätowiert.
Die Zeichnung der Tätowierungen wird vom Seelenschauer selbst festgelegt (mit Ausnahme der ersten Tätowierung als Novize, diese stammt von seinem Lehrer). Eintätowiert wird sie dann aber von anderen, da die Prozedur zu schmerzhaft ist, um sie sich selbst zuzufügen.

Lebensweg

Jeder Stamm hat nur einen Schamanen. Da diese zudem recht häufig sehr alt werden, dauert es lange, bis aus einem Novizen ein Schamane geworden ist. Viele erreichen diese letzte Stufe auch nie und bleiben auf der des Heilers. Der Weg dorthin gliedert sich in verschiedene Phasen.

Kindheit und Ausbildung

Nur Schamanen, nicht aber Heiler, können ein Kind zum Seelenschauer ausbilden. Findet ein Schamane ein Kind, das ihm geeignet erscheint, so spricht er mit den Eltern und schließlich auch mit dem Kind selbst, ob der Weg des Seelenschauers für es in Frage kommt. Wenn alle einverstanden sind, adoptiert der Schamane das Kind (was nur für diesen Fall erlaubt ist, Schamanen können ansonst keine normale Familie gründen). Das Kind muß zu diesem Zeitpunkt seine Namensbindungszeremonie hinter sich haben und darf den spezialisierten Teil seiner Ausbildung noch nicht begonnen haben. D.h. es ist zwischen 8 und 12 Jahre alt.
Bis zum nächsten Großen Sommerfest lebt das Kind nun beim Schamanen. Es lernt viele der täglichen Arbeiten des Schamanen kennen, aber noch kein rituelles Spezialwissen, denn in dieser Zeit kann das Kind auf eigenen Wunsch die Ausbildung jederzeit abbrechen. Es ist in dieser Phase auch äußerlich von den anderen Kindern noch nicht zu unterscheiden, was Kleidung und Haartracht angeht. Allerdings nimmt ein solches Schamanenkind nicht mit seinen Altersgenossen an der Initiation zum Erwachsenen teil. Bis zum nächsten Sommerfest bleibt es rechtlich ein Kind. Während die Ishia normalerweise mit 14 erwachsen werden, kann es bei einem Schamanenkind im ungünstigsten Fall bis zum 19. Lebensjahr dauern.

Beim Großen Sommerfest kommen die Schamanenkinder aller Stäme zusammen, wobei nicht jeder Schamane jedes Mal einen Zögling mitbringt, dafür in seltenen Fällen auch mal zwei. Die Aufnahme dieser Kinder in die Gruppe der Seelenschauer ist die erste Zeremonie im dichtgepackten Terminplan der Seelenschauer beim Sommerfest. In dieser Zeremonie werden den Kindern die Haare abrasiert. Unter der Führung der Schamanen erleben sie ihre erste Seelenschau und bekommen im Anschluss daran ihre zweite Tätowierung (die erste stammt von der Namensbindung). Ab jetzt gelten sie als erwachsen, aber auch als geschlechtslos und kleiden sich als Seelenschauer.
Etwas später nehmen die frischgebackenen Novizen an ihrem ersten Wettstreit teil. Dies wird sie über viele Sommerfeste hinweg begleiten, auch als Heiler noch. Nur die Schamanen selbst müssen sich nicht mehr messen. In diesem Wettstreit wird eine Reihenfolge festgelegt, die bis zum nächsten Sommerfest ihre Gültigkeit behält. Sie dient vor allem der Vorbereitung auf den Wettbewerb, der den Kindern für lange Jahre bevorsteht, aber auch, um deren Begabung festzustellen, so daß die einzelnen Schamanen sich das Kind auswählen können, das sie zu ihrem Schüler machen wollen.

Nach diesem ersten Sommerfest gehen die Novizen bei einem fremden Schamanen in die Lehre. In den folgenden sechs Jahren (bis zum nächsten Sommerfest) erlernen sie alles, was sie als Seelenschauer wissen müssen. Wie bei jedem Sommerfest müssen sie sich einem Wettstreit unterziehen. Die dabei festgelegte Rangordnung entscheidet diesmal, wer von ihnen als erster zur Prüfung antreten darf.

#PrüfungDie Prüfung

Die Prüfung, die aus einem Novizen einen Heiler macht, kann jedes Jahr nur von einer Person abgelegt werden. Deswegen ist es sehr wichtig, beim Wettstreit der Novizen während des Sommerfests unter die ersten sechs zu kommen. Gelingt einem das nicht, kann man nur hoffen, daß einer der besseren stirbt, so daß man nachrücken kann. Ansonsten muß man sich beim nächsten Sommerfest wieder dem Wettstreit stellen, wobei dann schon die Novizen der nächsten Generation nachgerückt sind, die ihrerseits darauf brennen, einen möglichst guten Platz zu erkämpfen.
Die Prüfung findet stets im Winter statt. Im ersten Winter nach dem Sommerfest tritt der Beste an, im darauffolgenden Jahr der zweitbeste, usw. Sollte jemand durch den Tod eines Besserplatzierten nachrücken, wird er von einem der reisenden Heiler informiert.
Wenn der Stamm sich für das Winterlager bereit macht, reist der Kandidat zum Ort des Sommerfestes. Auf der Reise wird er von einigen Jägern begleitet, die ihn gegen etwaige Angriffe schützen und ihm beim Transport des nötigen Proviants helfen. Am Ziel angekommen, kehren sie zurück. Der Kandidat muß nun die ganzen Wintermonate allein dort bleiben. An diesem Ort gibt es eine große Tropfsteinhöhle, in der der Kandidat lebt und die er nur selten verläßt, vor allem, um Brennholz zu holen. Trinkwasser findet er im Höhlenbach selbst, ansonsten ist er mit Vorräten reichlich ausgestattet.
Er unternimmt in dieser Zeit mehrere Seelenschauen. Die eigentliche Prüfung aber ist die Einsamkeit und der Zwang, zum ersten Mal in seinem Leben allein mit allen Eindrücken fertig zu werden. Im nächsten Frühjahr kommt die Eskorte zurück. Ist der Kandidat da noch am Leben, hat er bestanden. Eine Wiederholung bei nicht bestandener Prüfung kann es also nicht geben, da diese Kandidaten tot sind.
Verglichen mit dem normalen Überlebenskampf der Ishia erscheint diese Prüfung erstaunlich leicht. Der Kandidat ist mit Nahrung ausreichend versorgt und der Ort gilt auch bei den Nachbarvölkern der Ishia als sakrosankt, so daß er keine Angriffe zu befürchten hat. Die Höhle bietet ihm Schutz vor der Witterung. Auf den ersten Blick ist die größte Gefahr, daß ein Kandidat krank werden könnte oder sich verletzen und daran sterben, da ihm niemand hilft. Einige sind auch wirklich auf diese Weise gestorben. Die sehr viel größere Gefahr ist aber die Intensität der Eindrücke, denen der Kandidat ausgesetzt ist: die absolute Dunkelheit in der Höhle, die weite Leere, das Aufblitzen fantastischer Formen und Gestalten im flackernden Licht... Wenn dazu noch die Halluzinationen und Trance-Zustände der Seelenschau kommen, ist der Schritt zu (vorübergehendem) Wahnsinn, Panik oder Selbstüberschätzung nicht weit. Wohl die meisten Kandidaten erreichen irgendwann diesen Zustand. Für einige von ihnen wird dann das Labyrinth der Höhlengänge zur tödlichen Falle, andere fliehen hinaus in das offene Land und werden ein Opfer von Witterung oder wilden Tieren. Nur wer rechtzeitig wieder zu Sinnen kommt oder wer stark genug ist, die Wahnvorstellungen ruhig zu ertragen, kann die Prüfung bestehen.
Die meisten derjenigen, die die Prüfung bestanden haben, sprechen nicht darüber, was sie genau erlebt haben, allenfalls mit anderen Heilern oder Schamanen, alle anderen können die Erlebnisse sowieso nicht nachvollziehen. Aber auch den nicht-Seelenschauern fällt auf, daß der Mensch, der von dieser Prüfung zurückkehrt, ein anderer ist als der, der hingegangen ist. Diese Prüfung ist das wohl einschneidenste Erlebnis im Leben eines Seelenschauers und es prägt seinen Charakter, setzt ihn noch stärker von den normalen Menschen ab, als das in Kleidung und Aussehen schon zum Ausdruck kommt.

Die Zeit als Heiler

Nach der bestandenen Prüfung ist die Ausbildung abgeschlossen, der Prüfling ist nun ein Heiler, der nur noch sich selbst und dem Volk der Ishia insgesamt verpflichtet ist, aber keinem Lehrer mehr. Er gehört zu keinem Stamm, weder zu dem, wo er geboren wurde, noch zu dem, wo er ausgebildet wurde, und auch sonst zu keinem. Ein Heiler lebt aber - abgesehen von kürzeren Phasen - in aller Regel nicht allein, da er im Umgang mit Waffen zu ungeübt ist, um sich selbst wirksam schützen zu können. Stattdessen verbringt er ein paar Wochen mit einem Stamm, dann ein paar Wochen bei einem anderen, so wie es ihm richtig erscheint. Kein Heiler muß jemals fürchten, bei einem Stamm keine Aufnahme zu finden oder hungrig gelassen zu werden. Ab und zu kommt es vor, daß ein Heiler eine engere Beziehung mit einem Schamanen eingeht - ob als Freund oder Liebhaber. Dann bleibt er länger bei dessen Stamm und dient dem Schamanen als Helfer und Stellvertreter.
Selbstverständlich nehmen auch die Heiler am Großen Sommerfest teil. Wieder müssen sie sich dort dem Wettbewerb stellen, dieses Mal in der Gruppe der Heiler. Diese Wettkämpfe sind noch härter als die der Novizen. Erfahrung bringt hier gewisse Vorteile, aber noch wichtiger sind die ureigene Stärke der Persönlichkeit. Viele schaffen es nie, einen der vorderen Plätze zu belegen, der allein sie zum Aufstieg zum Schamanen befähigen würde, und bleiben zeitlebens Heiler.

Die Berufung zum Schamanen

Da jeder Stamm nur einen Schamanen hat, kann ein Heiler nur dann aufrücken, wenn ein Schamane stirbt (oder ein neuer Stamm? begründet wird, was aber sehr, sehr selten ist).
Im Idealfall ruft ein Schamane, der sein Ende nahen fühlt, den ersten auf der Rangliste der Heiler durch Boten zu sich. Ist er eingetroffen, ziehen sich die beiden an einen abgelegenen Ort zurück. In der ihm verbleibenden Zeit weiht der Schamane seinen Nachfolger dann in alles ein, was der über den Stamm und sein Gebiet wissen muß, z.B. welche Orte besonders geeignet sind für mächtige Visionen oder auch welche Freundschaften und Rivalitäten das Leben des Stammes bestimmen. Im Moment des Todes begibt sich der Heiler dann auf eine Seelenschau. Nach dem Glauben der Ishia verschmilzt seine Seele dabei mit der des Toten.
Durch dieses Verschmelzen mit der Seele des Vorgängers gelten Schamanen als die stärksten Seelen unter allen Lebenden. Das ist auch nötig, denn nur so können sie es wagen, sich für das Wohlergehen des Stammes den mächtigen körperlosen Seelen zu stellen. Kann der Wechsel mehrere Male hintereinander reibungslos stattfinden, wird so die Kraft und die Erfahrung vieler Leben in einer Person gebündelt. Solche Schamanen werden selbst von ihren Stammesmitgliedern mehr gefürchtet als geliebt.
Will ein Schamane sicher gehen, daß der Wechsel reibungslos klappt, kann er den auserkorenen Heiler auch schon zu sich rufen, wenn sein Tod noch fern erscheint. Spätestens bis zum nächsten Sommerfest muß der Wechsel dann aber vollzogen werden, notfalls durch Selbstmord. Ist der Nachfolger dagegen beim Tod des Schamanen nicht zur Stelle, entschwindet dessen Seele. Der neue Schamane muß also ohne die Kraft seines Vorgängers auskommen. Dasselbe ist der Fall, wenn ein neuer Stamm begründet wird. Um die Seele des Schamanen möglichst schnell erstarken zu lassen, gibt es einige Rituale, die beim Artikel? über die Gründung eines Stammes beschrieben sind.
Ein ganz spezieller Fall tritt ein, wenn ein Schamane sich eines Verbrechens schuldig macht und dafür zum Tode verurteilt wird. Ein solches Urteil kann nur im Beisein aller anderen Schamanen vollzogen werden. Für diesen seltenen Fall verlassen sie ihre Stämme und kommen zu jeder Jahreszeit beim Stamm des Delinquenten zusammen. Der Verurteilte wird gezwungen, sein Wissen preis zu geben, bevor er hingerichtet wird. Nach Vollstreckung verhindern aber die Schamanen das Verschmelzen des Geistes mit dem des Nachfolgers. Damit soll vermieden werden, daß auch der Nachfolger von der bösen Gesinnung des Hingerichteten verschmutzt wird.

[1] Das geschieht aus Sicherheitsgründen, denn Seelenschauer haben eine besonders starke Seele, um in der gefährlichen Seelenschau bestehen zu können, und daher sind auch die Seelen solcher Kinder um vieles stärker als die normaler Kinder. Seelenstärke wird sonst über die Lebensdauer erworben, so dass eine entsprechende Beherrschung dieser Macht damit einhergeht. In einem Kleinkind sind solche Kräfte gefährlich.


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Letzte Änderung: April 07, 2014, at 09:48 AM