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Die Religion der Ishia

- Der Begriff der "Seele"

- Eigenschaften

- Form

- Seelenbegegnungen
- Lebenszyklus einer Seele

- Seele und Religion

Vorbemerkung: Die Ishia haben zwar eine tiefreichende mündliche Überlieferung, aber keine Schrift. Philosophische Haarspaltereien und der Versuch, alles in rationale Aussagen zu packen, sind ihnen fremd. Der folgende Text versucht trotzdem, ihre Glaubenswelt auf wenige allgemeingültige Aussagen zurückzuführen. Er zieht in vielen Fällen klarere Grenzen, als dies ein Ishia tun würde. Die Ishia selbst erzählen lieber verschiedene Einzelschicksale als Beispiel und überlassen es dem Zuhörer, daraus seine Schlüsse zu ziehen. In dieser Weise werden auch Kinder an dieses Wissen herangeführt.

Der Begriff der "Seele"

"Nijira" (Pl. nijirana) ist das zentrale Konzept in der Religion und Weltanschauung der Ishia. Das Wort wird im folgenden mit "Seele" übersetzt, allerdings könnte man je nach Kontext auch genauso treffend von Persönlichkeit, Bewußtsein oder Lebenskraft sprechen. Nijira ist zwar eng in die religiösen Vorstellungen der Ishia eingebunden, beschreibt aber auch ganz allgemeine Vorgänge der Persönlichkeitsentwicklung, wie sie genauso in anderen Kulturen vorkommen.
Jedes lebende Wesen ist nach dem Glauben der Ishia zweigeteilt. Es besteht aus einem "handelnden Körper" und der Seele. Der Körper umfasst neben der Physis auch die Sinneseindrücke, mit denen ein Wesen seine Umgebung wahrnimmt, sowie die vordergründigen Willensentscheidungen. Es ist der Körper, der Hunger fühlt und daraufhin beschließt zu essen. Die Seele dagegen umfasst das eigentliche Wesen einer Person. Sie interpretiert die Eindrücke des Körpers und trifft Entscheidungen, die über das Alltägliche hinausgehen. Die Seele entscheidet, ob eine Person liebt oder hasst und welchen Weg sie im Leben einschlägt.
Nicht nur Menschen und andere Personen? besitzen eine Seele, sondern auch alle Tiere und Pflanzen. Sogar bestimmte geographische Entitäten wie Berge oder Flüsse oder Wettererscheinungen (z.B. Stürme) besitzen nach der Vorstellung der Ishia nicht nur eine Seele, sondern auch einen Körper. Daneben gibt es noch eine Vielzahl an körperlosen Seelen, die man vielleicht auch als Geister bezeichnen könnte. Zu nennen wären hier z.B. Tisha, Takosh und der Feuervogel.

#KörperSeeleDas Verhältnis zwischen Körper und Seele

Der Körper kann ohne Seele nicht bestehen, da er von ihr seine Kraft erhält. Solange er besteht, ist die Seele an ihn gebunden. In dieser Zeit ist sie quasi blind und kann andere Seelen nur undeutlich wahrnehmen, aber nicht klar erkennen. Auch sich selbst kann die Seele dann nur schwach erahnen, so wie ein Mensch, der mit geschlossenen Augen regungslos daliegt, seinen Körper nur schwach spüren kann.
Durch gewisse Drogen oder Meditationstechniken kann die Seele den Körper kurzfristig verlassen und dann andere Seelen und sich selbst voll wahrnehmen. Allerdings bleibt sie räumlich eng an den Körper gebunden. Erst nach dem Tod ist sie völlig frei, mehr dazu weiter unten.

Eigenschaften der Seele

Nach der Vorstellung der Ishia ist jede Seele durch drei Eigenschaften charakterisiert.

  • Die Form gibt die Grundzüge vor. Sie bestimmt den Rahmen, in dem die Seele handeln oder denken kann. Die Seele eines Menschen hat eine andere Form als die eines Wolfs oder eines Baumes. Die Form wird sehr stark vom Körper eines Wesens bestimmt und kann sich zu Lebzeiten des Körpers nicht ändern. Körperlose Seelen dagegen können grundsätzlich ihre Form ändern, was aber eher selten geschieht.
  • Die Farbe beschreibt die Gesinnung eines Wesens, seinen Charakter im engeren Sinne. Für die Ishia ist eine Seele aber nicht im wortwörtlichen Sinne rot oder blau, sie fassen unter dem Begriff der Farbe vielmehr Eigenschaften wie Mut, Ehrgefühl, Aufrichtigkeit, Liebenswürdigkeit u.v.m. zusammen.
  • #GrößeDie Größe oder auch Stärke gibt an, wie stark sich eine Seele gegen fremde Einflüsse durchsetzen kann. Sie ist von zentraler Bedeutung für die Wechselwirkungen der Seelen untereinander, wie sie im nächsten Abschnitt beschrieben werden. Die Größe einer Seele ist nicht notwendigerweise an die Größe ihres Körpers gekoppelt, allerdings gibt es meistens einen gewissen Zusammenhang.

Seelenbegegnungen

Wenn sich zwei Seelen begegnen, können sie auf verschiedene Weisen interagieren. Dabei gehen die Ishia davon aus, dass sich Seelen grundsätzlich feindlich gegenüberstehen, wenn sie nicht durch eine besondere Beziehung wie Verwandtschaft oder Freundschaft verbunden sind. Bedingt durch die Form der Seele unterscheiden sie sich aber stark im Ausmaß ihrer Aggresivität.

  • Zwei Seelen, die längere Zeit im engen Kontakt sind, können aufeinander abfärben, d.h. sie gleichen sich im Charakter aneinander an. Wenn eine der beiden Seelen deutlich stärker ist als die andere, kann es sein, dass nur die schwächere die Farbe der stärkeren annimmt. Dies geschieht auch dann, wenn die Seelen sich freundschaftlich gesonnen sind. Dieses Abfärben muß nicht unbedingt mit dem Ende des Kontakts aufhören. Es kann auch vorkommen, dass ein Keim einer anderen Farbe gelegt wird, der eine Seele erst nach und nach "umfärbt".
  • Bei feindlich gesonnenen Seelen kann es zusätzlich oder statt dessen zu einem Kampf zwischen den Seelen kommen. Die überlegene Seele kann ein Stück aus der unterlegenen herausbeißen oder diese in manchen Fällen sogar komplett verschlingen. Die überlegene Seele wird dadurch stärker, die unterlegene schwächer oder hört ganz auf zu existieren. Wenn allerdings der Unterschied in der Stärke nur gering war, besteht für die aufnehmende Seele die Gefahr, dass der aufgenommene Teil auf sie abfärbt.

Je länger eine Begegnung andauert bzw. je intensiver sie ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, daß es zu einer Veränderung in den Seelen kommt. Auch braucht eine besonders starke Seele weniger Zeit, um einen Gegner zu überwinden, als eine etwas schwächere. Flüchtige Begegnungen hinterlassen dagegen in aller Regel keine Spuren.
Bei der Begegnung einer körperlosen Seele mit einer Seele mit Körper sind die Karten nicht gleich verteilt. Die körperlose Seele hat den Vorteil, ihren Gegner viel genauer wahrnehmen zu können. Diese muß den Angriff nahezu tatenlos abwarten. Dafür bietet der Körper aber einen nicht zu verachtenden Schutz. Insbesondere ist die Seele durch den Körper vor dem Verschlungenwerden fast vollständig geschützt. Nur wenn der Körper stark geschwächt ist, oder der Kräfteunterschied der Seele zu groß ist, kann das passieren.
Grundsätzlich ist jede Seele bestrebt, den Status Quo zu erhalten. Sie versucht also, Veränderungen zu vermeiden und frische Veränderungen so weit als möglich rückgängig zu machen. Ist aber ein Wandel endgültig eingetreten, so wird der neue Zustand genauso hartnäckig verteidigt wie zuvor der alte.

Der Lebenszyklus der Seelen

Entstehung

Neue Seelen entstehen nach der Vorstellung der Ishia, wenn sich beim Geschlechtsverkehr zwei Seelen besonders intensiv begegnen, so wie aus zwei aufeinandergeschlagenen Feuersteinen Funken entstehen. Diese neuen Seelen sind extrem schwach und vergehen meistens nahezu sofort wieder. Manchmal aber kann sich die neue Seele halten, der Körper der Mutter bietet ihr Schutz und neues Leben wächst heran.
Nach dem Glauben der Ishia existiert die Seele also ab dem Zeugungsmoment, genauer gesagt sogar schon vor dem zugehörigen Körper. Daraus leitet sich aber kein besonderer Schutz des ungeborenen Lebens ab. Sowenig sie sonst Bedenken haben, beseelte Wesen z.B. bei der Jagd oder im Krieg zu töten, sowenig haben sie solche Bedenken, wenn ihnen eine Abtreibung notwendig oder vernünftig erscheint.

Wachstum

Auch nach der Geburt ist die Seele eines Kindes noch sehr klein und nur schwach an den Körper gebunden. Es kommt häufiger vor, daß die Seele ihren Körper verläßt oder von einer stärkeren verschlungen wird - das Kind stirbt dann, ohne daß ein Grund zu erkennen wäre.
Je mehr Begegnungen die Seele überlebt, desto stärker wird sie. Diese Entwicklung hält bis zum Lebensende an. Die Seele vergreist also nicht, sondern ist im Gegenteil im hohen Alter am stärksten.

Vererbung

Die Ishia sind scharfe Beobachter und so blieb ihnen nicht verborgen, dass es oft gewisse Ähnlichkeiten im Verhalten von Eltern und Kindern gibt. Allerdings scheinen auch Adoptiveltern (die es bei den Ishia häufiger gibt), einen wichtigen Einfluß zu haben. Diese Tatsache ist aber in ihrem Weltbild kein Widerspruch.
Eine neue Seele entsteht als Funke aus der Begegnung zweier anderer. Es ist also nur natürlich, dass sie den Seelen, aus denen sie entstanden ist, ähnelt. Da eine Seele zudem ihren Status Quo verteidigt, kann es sein, dass sie sich bis ins Erwachsenenalter so wenig verändert, dass die Ähnlichkeit bestehen bleibt. Andererseits wird eine Seele am meisten von den Seelen geformt, mit denen sie den meisten Kontakt hat, und das sind im Falle eines Kindes eben die (Adoptiv-)Eltern. Letzendlich kommen die Ishia damit zum gleichen Schluss wie die moderne Wissenschaft: ein Teil des Charakters ist ererbt, aber auch die Erziehung hat einen großen Einfluss.

Leben nach dem Tod

Nach dem Tod des Körpers lebt die Seele weiter. Solange die Angehörigen das Gedächtnis an den Toten bewahren, kann sie bei ihnen Schutz finden und unter Umständen sogar Kraft schöpfen. Danach ist sie auf sich allein gestellt. Die meisten Seelen werden dann mit der Zeit schwächer, weil sie bei mehr und mehr Begegnungen verlieren. Sofern die Seele nicht vorher von einer anderen verschlungen wird, kommt dann irgendwann der Zeitpunkt, wo sie sich freiwillig mit einer stärkeren vereinigt und in ihr aufgeht. Besonders erstrebenswert gilt es, wenn sich eine Seele mit einem angesehen Vorfahr oder einem besonders starken nijira vereinigen kann.
Ist die Seele selbst aber sehr stark, dann kann es sein, daß genau der umgekehrte Fall eintritt. Sie gewinnt mehr und mehr Begegnungen und wird dabei immer stärker, bis schließlich schwächere Seelen zu ihr kommen, um in ihr aufzugehen. In dieser Weise, so glauben die Ishia, leben die großen Helden der Vergangenheit auf ewig weiter.

#JägerBeuteJäger und Beute

Die Ishia leben vornehmlich von der Jagd und auch für die Seelen ist die Begegnung zwischen Jäger und Beute von immenser Bedeutung. Direkt nach dem Tod des Körpers ist die Seele sehr aufgewühlt. Wenn sich ihr der Jäger, der ihren Körper erlegt hat, in diesem Moment respektvoll nähert, kann es sein, daß sie spontan beschließt, sich mit seiner Seele zu vereinigen und in ihm aufzugehen. Für diese Situation gibt es traditionelle Gesten und Gebete, um die Seele dazu einzuladen. Diese Verschmelzung mit der Seele von Beutetieren gilt als einer der schnellsten Wege, um die eigene Seele zu stärken. Es macht aber keinen Sinn, dutzende Kaninchenseelen in sich aufzunehmen, da man dann selbst den Charakter eines Kaninchens annehmen würde.
Darüber hinaus kann es auch sein, daß die Seele der Beute so wütend über den Tod ihres Körpers ist, daß sie den Jäger angreift. Insbesondere bei besonders mächtigen Beutetieren halten die meisten Ishia deswegen für einige Minuten einen gewissen Abstand, um der Seele Zeit zu geben, sich vom Körper zu entfernen.
Entsprechendes gilt auch für im Kampf getötete Feinde bzw. deren Seelen. Die Seele eines Gegners zur Verschmelzung mit der eigenen einzuladen, gilt als Zeichen besonderer Achtung für den getöteten Feind, da es dadurch immer zu einem Abfärben auf die eigene Seele kommt.

Seelen in der Religion

Die Ausführungen bisher haben eher das Weltbild der Ishia behandelt, so wie sie sich das Werden und Vergehen von Lebewesen vorstellen. Diese haben natürlich einen großen Einfluß auf das Verhalten der Ishia im Allgemeinen. Daraus leiten sich aber auch im Speziellen gewisse religiöse Praktiken ab.
Zu jeder Zeit fühlt sich ein Ishia von einer Vielzahl von Seelen umgeben, viele von ihnen sind ihm feindlich gesonnen, es gibt aber auch einige, von denen er sich Beistand erhoffen kann. Je enger das Band zwischen dem Bittsteller und dem Gebetenen ist (z.B. durch Blutsverwandtschaft), desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, daß das Gebet erhört wird. Denn letztendlich handelt jede Seele nur in ihrem eigenen Interesse, bzw. in dem ihrer Nachkommen und Verwandtschaft.
Um einer Bitte besonderen Nachdruck zu verleihen, kann man ein Opfer darbringen, in aller Regel Blut oder Schmerzen. Allerdings sind diesen Opfern recht enge Grenzen gesetzt, denn jemand, der sich selbst verstümmelt oder ernsthaft verletzt, gilt nicht als besonders tugendhaft, sondern schlichtweg als dumm.

Die Rolle des Schamanen

Zum geheimen Wissen der Schamanen? gehört es, Seelen zur Kooperation zu überreden, die nicht aus eigenem Interesse helfen wollen, weil sie keine besondere Verbindung zum Bittsteller haben oder ihm sogar feindlich gegeüber stehen. Daneben kennen Schamanen das Geheimnis, ihre Seele aus dem Gefängnis des Körpers zu lösen. Sie können auf diesem Weg schädliche Entwicklungen in Seelen erkennen, oder sich einer feindlichen Seele im Kampf stellen, um diese zu vertreiben.


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Letzte Änderung: March 26, 2014, at 08:03 AM