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Recht und Gesetz der Ishia

Das Recht der Ishia ist relativ einfach. Es gibt einige wenige feste Grundsätze, aber wie diese auszulegen sind, ist eine Sache des gesunden Menschenverstandes und sehr stark von der tatsächlichen Situation abhängig. Da in den meisten Fällen alle Beteiligten zum selben Stamm gehören und die Stämme der Ishia so klein sind, daß jeder jeden kennt, ist das in aller Regel kein Problem.

Grundsätzlich gibt es bei den Ishia keinen Automatismus in der Strafverfolgung. Eine Tat wird nur dann geahndet, wenn jemand dagegen geklagt hat. Auch findet eine Gerichtsverhandlung nur dann statt, wenn der Angeklagte anwesend ist.
Die Ishia kennen allerdings keine Unschuldsvermutung bis zur Verhandlung. D.h. ein Angeklagter, der das Verfahren durch seine Abwesenheit hinauszögert, muß damit rechnen, daß in der Zwischenzeit Stimmung gegen ihn gemacht wird und er de facto schon verurteilt ist oder zumindest wenig Chancen auf einen fairen Prozess hat.
Kinder werden übrigens nicht formell verurteilt, sondern direkt von ihren Eltern der Tat entsprechend bestraft.

Bei den Ishia werden Vergehen je nach Jahreszeit unterschiedlich bewertet und bestraft. Der Grund hierfür ist, daß sich auch die Lebensweise im Sommer stark von der im Winter unterscheidet.

Sommerrecht

Das Sommerrecht gilt immer dann, wenn die Ishia nicht in ihren festen Winterlagern? leben. Es beinhaltet Regeln, wie sie sich in ähnlicher Form auch bei anderen Völkern Aurhims mit einer vergleichbaren Kulturstufe finden. Da die Ishia keine schriftliche Überlieferung kennen, gibt es keine genau definierten Straftatbestände im engeren Sinne. In der mündlichen Überlieferung finden sich aber durchaus Vorschriften, welches Verhalten als strafwürdig zu sehen ist. Dazu gehören insbesondere Diebstahl, Raub, Mord, Vergewaltigung und alles, was als Verrat am Stamm gesehen wird.

Ist ein Ishia der Meinung, daß er selbst oder ein anderes Stammesmitglied geschädigt wurde, so kann er vor dem Stammesrat Klage erheben. Der Beschuldigte hat dann die Möglichkeit, sich vor dem Rat zu rechtfertigen, bevor das Urteil über ihn gesprochen wird. Neben der Verurteilung durch den Stammesrat gibt es noch die Möglichkeit eines Gottesurteils. Dieses kommt immer zur Anwendung, wenn sich der Stammesrat nicht auf einen Schuldigen einigen kann, bzw. grundsätzlich bei Beziehungsstreitigkeiten. Zwischen zwei in etwa gleichstarken Kontrahenten wird in aller Regel durch einen waffenlosen Kampf entschieden (der deswegen aber nicht unblutig sein muß), dessen Ausgang bestimmt, welche Seite im Recht ist. Falls bei einem solchen Kampf die Chancengleichheit nicht gegeben wäre, gibt es andere Mittel und Wege.

Die verhängten Strafen stehen prinzipiell unter dem Grundgedanken der Rache. Der Geschädigte soll Satisfaktion erhalten. Dies kann in einfacheren Fällen durch materielle Geschenke erfolgen, bei schwereren Vergehen kann es auch zu körperlichen Strafen bis zur Todesstrafe kommen. Wird allerdings jemand zum Tode verurteilt, der für den Stamm als wichtig gilt, dann wird die Todesstrafe aufgeschoben, bis ein adäquater Ersatz gefunden ist. Dies kann im Fall einer stillenden Mutter durchaus mehrere Jahre dauern. Eine solche Person ist vom normalen gesellschaftlichen Leben größtenteils ausgeschlossen.

Winterrecht

Das Winterrecht gilt für die gesamte Zeit, die der Stamm in seinem Winterlager verbringt. Es wird mit einer feierlichen Zeremonie eingeläutet und mit einer ebensolchen beendet, wobei die erstere eher ein ernstes Ereignis ist, die letztere aber ein Grund für ausgelassene Freude. In der Zeit des Winterrechts gelten auch einige andere besondere Sitten, die allerdings nicht direkt etwas mit der Rechtsprechung zu tun haben und deswegen an anderer Stelle aufgeführt sind.

Über die Einhaltung des Winterrechts wacht ein spezieller Winterrat. Dieser besteht aus dem Häuptling des Stammmes sowie aus vier Jägern? oder Sammlerinnen?, die das Vertrauen des Stammes in besonderem Maße besitzen. Diese vier werden jedes Jahr aufs neue vom Stammesrat gewählt.

Im Winterrecht gelten die Regeln des Sommerrechts weiter. Dazu kommt aber ein weiterer "Tatbestand", den die Ishia mit dem Wort "kishmuya" bezeichnen. Dieses Wort läßt sich in der Fülle seiner Assoziationen nur schwer übersetzen, am ehesten trifft es wohl "auf die Nerven gehend". Kishmuya ist eine Tat, die zwar an sich nicht verwerflich ist, die aber durch die Art, in der sie begangen wird, zu Unfrieden im Stamm führt. Kishmuya ist z.B. eine Frau, die zu sehr aúf ihr Äußeres achtet, ein Teenager, der sich nicht oft genug waschen will oder ein junges Paar, das allzu auffällig turtelt. Strafbar ist also nicht nur was man tut, sondern auch wie.

Wenn sich ein Ishia in der Zeit des Winterrechts vom Verhalten eines anderen gestört fühlt, geht er in aller Verschwiegenheit zu einem Mitglied des Winterrats und klagt sein Leid. Daraufhin kommt der Winterrat zusammen und entscheidet darüber, ob der Kläger Grund zu seiner Beschwerde hat. Dabei geht es um die Frage, ob das Verhalten des Beschuldigten wirklich zu Unfrieden im Stamm führt und ob der Beschuldigte dies vermeiden könnte (ein gehöriges Maß an Einfühlungsvermögen vorausgesetzt). Der Beschuldigte selbst wird dabei nicht angehört, denn es geht bei kishmuya nicht darum, warum einer etwas tut, sondern nur, wie es bei den anderen ankommt.

Kommt der Winterrat zu dem Schluß, daß die Klage nicht gerechtfertigt war, so wird dem Kläger dieser Beschluß zwar mitgeteilt, ansonsten aber kein weiteres Wort darüber verloren. Auf diese Weise soll sichergestellt werden, daß niemand als Querulant bloßgestellt wird. Bekommt er aber recht, so wird vom Winterrat eine Strafe festgelegt. Dies geschieht meistens in Absprache mit dem Kläger und in aller Regel wird sie auch von diesem ausgeführt, denn da er sich als erster beschwert hat, scheint es ihn ja am meisten zu stören.

Die Strafen für kishmuya können äußerst vielfältig sein. Sie sind in aller Regel recht schmerzhaft, zumindest aber sehr unangenehm. Im Idealfall sind sie in irgendeiner Form mit dem zugrundeliegenden Vergehen verknüpft. Es wird dabei stets darauf geachtet, daß niemand permanent geschädigt wird. Krieger beziehen im Normalfall Prügel in der einen oder anderen Form. Da man von einem Ishia-Krieger allerdings erwartet, daß er Schmerzen gewohnt? ist, ist es nichts ungewöhnliches, wenn der Bestrafte danach mehrere Tage kaum in der Lage ist zu stehen. Andere denkbare Strafen wären z.B. wenn eine eitle Person zu einem Fäkalienbad gezwungen wird, oder wenn ein waschfauler Jugendlicher bis an den Rand der Unterkühlung in eisiges Wasser getaucht wird. Auch ein öliger Extrakt aus Ameisen wird gerne verwendet, da die darin enthaltene Ameisensäure zu schmerzhaften, aber abheilenden Verätzungen führt.

Die Strafe soll eine Abreibung und ein Denkzettel für den Schuldigen sein, etwas, was er so schnell nicht wieder vergisst. Aus diesem Grund versucht man meistens, den Schuldigen abzupassen, wen dieser am wenigsten mit so etwas rechnet, indem man ihn z.B. plötzlich aus dem Schlaf reißt oder ähnliches. Als Zeichen der Legalität der Strafe wohnt der Winterrat der Strafaktion geschlossen bei, meistens findet sich aber sowieso der komplette Stamm ein, um durch seine Anwesenheit seinen Unmut auszudrücken.

Nach Vollzug der Strafe wird der Bestrafte zuerst links liegen gelassen. Hilfe bekommt er nur, wenn er darum bittet. Im Folgenden ist der Bestrafte in aller Regel noch einige Zeit eine Zielscheibe für Spott, aber ansonsten ist man nicht nachtragend. Eine kishmuya-Strafe ist in keiner Weise ehrenrührig. Jeden Winter trifft es mehrere Personen, und jemand, der zeitlebens nie kishmuya war, gilt schon fast als sonderbar.

Das Konzept des "kishmuya" dient dazu, Streitereien über Nichtigkeiten beizulegen, wie sie bei der großen Enge der Winterlager unvermeidbar sind. Darüber hinaus dienen die harschen Strafen auch als Anreiz, sich insbesondere in der Winterzeit möglichst unauffällig zu verhalten. Im Sommer sind solche Maßnahmen nicht nötig, da man sich in dieser Zeit recht einfach aus dem Weg gehen kann. Aber auch wenn das Winterrecht als nötig und richtig empfunden wird, wird sein Ende doch immer als große Befreiung empfunden.


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Letzte Änderung: March 26, 2014, at 08:03 AM