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Ehe bei den Ishia

Ein Ehepaar besteht bei den Ishia immer aus einem Jäger? und einer Sammlerin?, d.h. es kann sich dabei entweder um die Paarung Mann-Frau oder Frau-Frau handeln, aber nie um ein rein männliches Paar. Je nach den Lebensumständen unterscheiden die Ishia dabei vier verschiedene Formen.

1. Onankay

Onankay bedeutet wörtlich "die sich binden Werdenden" und entspricht in etwa unserer Verlobung. Es gibt keine festen Regeln für den Beginn einer solchen Beziehung. Manche Paare teilen ihren Entschluß, Onankay zu werden, dem Stamm mit, andere gehen davon aus, daß die anderen das schon mitbekommen werden. Ebenso ist es nicht fest geregelt, ob ein Onankay-Paar zusammen lebt und wirtschaftet oder nicht. Onankay zu sein, bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als daß zwei Leute als "vergeben" gelten und daß sie irgendwann vorhaben, ihre Bindung zu vertiefen.
Da die Onankay-Bindung noch keine Ehe im engeren Sinne ist, gelten hier die Vorschriften bezüglich des sozialen Geschlechts nicht so streng wie für die anderen Formen der Ehe. Wichtig ist nur, daß eine legale Kombination möglich ist, sie muß aber jetzt noch nicht gegeben sein. Z.B. kann ein Mann als Onankay mit einem weiblichen Jäger zusammen sein, da sie später zur Sammlerin werden kann.

2. Naku-sike

Wörtlich übersetzt bedeutet naku-sike "eng verbunden" und entspricht am ehesten unserer Ehe. Zwei Personen sind naku-sike, wenn sie gemeinsam für ein Kleinkind sorgen. Die Bindungszeremonie kann frühestens im letzten Drittel der Schwangerschaft stattfinden, nicht selten wird sie aber auch erst nach der Geburt des Kindes? durchgeführt. Im Falle einer Adoption, wie sie bei den Ishia häufig vorkommt, findet die Hochzeit einen Tag vor der eigentlichen Adoption statt.
Naku-sike Partner leben und wirtschaften immer gemeinsam und sind auch zusammen für die Erziehung ihrer Kinder zuständig. Die Ehe endet, sobald das (jüngste) Kind des Paares seine Namenszeremonie? erlebt hat, das Paar wird dann automatisch naku-deya (siehe nächster Absatz). Der Übergang zu naku-deya ist zwangsläufig und kann auch nicht verzögert werden. Aber das bedeutet nicht unbedingt eine Änderung im Lebensstil, sondern in erster Linie eine Änderung des rechtlichen Status.

3. Naku-deya

Naku-deya bedeutet "lose verbunden". Es handelt sich dabei um Eltern eines Kindes, das zwar die Namenszeremonie schon hatte, aber noch nicht erwachsen ist. Diesen Zustand könnte man mit einem geteilten Sorgerecht vergleichen.
Naku-deya Partner können zusammen leben, müssen aber nicht. Es geschieht öfter, daß sich ein Paar trennt und einer oder beide mit einem neuen Partner zusammenlebt. Sie sind nur verpflichtet, gemeinsam für ihre Kinder zu sorgen. Die Geschlechterregel gilt allerdings nach wie vor. D.h. eine Frau, die in einer naku-deya Partnerschaft den Part der Sammlerin übernimmt, kann nicht zum Jäger werden. Bei rein weiblichen Paaren ist es aber durchaus möglich, daß die beiden Frauen die Rollen tauschen, wenn dies auch eher selten geschieht, da es meist bequemer ist, die alten Gewohnheiten beizubehalten.
Eine naku-deya Partnerschaft hat prinzipiell auch dann noch Bestand, wenn alle Kinder erwachsen sind. Leben sich die Partner dann auseinander, so ist zwar formal eine Scheidung (wie unten beschrieben) nötig, allerdings wird um sie oft wenig Aufsehen gemacht. Viel häufiger aber bleibt die Ehe bis zum Tod eines Partners bestehen.

4. Naku-besh

Das Wort bedeutet "nicht verbunden". Für diese Form der Partnerschaft gibt es keine Entsprechung in unserer Gesellschaft. Es handelt sich dabei um eine Zwecksbeziehung zwischen einem Jäger und einer Sammlerin, die für einen Sommer füreinander die wirtschaftlichen Verpflichtungen einer Partnerschaft wahrnehmen, ohne daß es eine emotionale und/oder sexuelle Bindung dahinter gäbe.
Da die Erziehung der Ishia Wert darauf legt, daß jedes der beiden sozialen Geschlechter die Aufgaben des anderen zumindest in rudimentärer Form übernehmen kann (salopp gesagt: daß Männer kochen und Frauen jagen können), gibt es meistens keine zwingende Notwendigkeit für eine naku-besh Beziehung. Man findet sie besonders bei älteren Personen, die nach einem Leben mit fester Aufgabenverteilung zu bequem sind, ihre Gewohnheiten zu ändern. Eine naku-besh Beziehung kann aber dann nötig werden, wenn ein Ishia stirbt und sein Partner mit einem Kleinkind zurückbleibt. Da diese Notlage in aller Regel länger andauert, wird der verwitwete Partner meistens versuchen, einen neuen naku-sike Partner zu finden. Der naku-besh Partner ist deswegen oft eine Übergangslösung.
Naku-besh Beziehungen gelten grundsätzlich nur für die Zeit, wenn sich der Stamm im Sommer in kleine Gruppen auflöst. Ist der Stamm versammelt, werden die Aufgaben anderweitig verteilt, meist unter Freunden und Bekannten.

Ehezeremonien

Um den Schritt zu Onankay zu vollziehen, ist streng genonnem keinerlei Zeremonie nötig. Es genügt allein die Entscheidung der beiden Partner. Es ist üblich, das sich die beiden gegenseitig ein Armband aus Grashalmen flechten, das solange getragen wird, bis es von selbst abfällt. Zu diesem Zeitpunkt weiß dann sowieso jeder im Stamm Bescheid und ein äußeres Zeichen ist nicht mehr nötig.

Die wichtigste Ehezeremonie bei den Ishia ist der Übergang zur naku-sike Bindung. Diese Feier findet normalerweise im letzten Drittel der Schwangerschaft statt. Frühmorgens kommt das Paar mit Freunden und Verwandten zusammen. Diese flechten dann die Haare des Paares so zusammen, daß sich die beiden nicht mehr trennen können. Diese Frisur ist besonders aufwändig und es dauert manchmal Stunden, bis sie vollendet ist. Dabei wird viel gelacht und gescherzt, auch Anzüglichkeiten sind üblich. Ratschläge zu einer guten Ehe sind allerdings verpönt. Sind die Angehörigen endlich mit ihrem Werk zufrieden, verläßt das Paar das Lager, um allein zu sein. Im Sommer sucht es sich einfach ein schönes Fleckchen in der Natur, im Winter ziehen sie sich in die Schwitzhütte? zurück. Dort verbringen die beiden Frischvermählten einen Tag, der ganz allein ihnen gehört. Irgendwann während dieser Zeit lösen sie die verflochtenen Haare bevor sie dann am nächsten Morgen zum Stamm zurückkehren.
Manchmal kommt es vor, daß eine Frau zum Zeitpunkt der Geburt ihres Kindes noch nicht vermählt ist, oder daß der eigentliche Partner das Kind nicht anerkennt?. In diesem Fall kann die Vermählung mit demjenigen, der letztendlich die Vaterrolle übernimmt, logischerweise erst nach der Geburt stattfinden. Die Mutter muß sich dann für einen Tag von ihrem Neugeborenen trennen, das solange von einer anderen stillenden Sammlerin betreut wird. Die meisten Mütter empfinden diese Trennung als belastend, doch gilt dies als gerechte Strafe für eine Sammlerin, die es nicht rechtzeitig geschafft hat, ihre Angelegenheiten in Ordnung zu bringen.

Beim Übergang von naku-sike zu naku-deya findet die selbe Zeremonie in umgekehrter Reihenfolge statt. Das Paar zieht sich allein zurück, um nochmals einen Tag für sich zu haben. Dort flechten sie sich die Haare zusammen, bevor sie zum Stamm zurückkehren, wo ihnen die Haare von Freunden und Verwandten gelöst werden. Damit ist die enge Bindung der naku-sike Zeit beendet.

Scheidung

Eine Trennung ist bei Onankay oder naku-besh Paaren jederzeit und ohne Einwilligung des Partners möglich. Aber auch bei naku-sike und naku-deya Paaren ist eine Scheidung möglich, sofern sie im Einverständnis erfolgt und die Versorgung der Kinder gesichert ist. Ob die Kinder dabei von einem der Eltern sowie dessen neuem Partner oder sogar von einem komplett anderen Paar adoptiert werden, ist dabei letztendlich egal. Der Scheidung gehen auf jeden Fall längere Verhandlungen voraus. Sie wird endgültig, wenn das Paar vor der Stammesversammlung die Auflösung der Partnerschaft erklärt und die Kinder von ihren neuen Eltern adoptiert werden.


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Letzte Änderung: March 18, 2014, at 09:27 PM